FIGURE IT OUT! 2025 – Dokumentation

von Jessica Hölzl

FIGURE IT OUT! fand 2025 als vierte Ausgabe des gemeinsamen Figurentheaterfestivals der Allianz internationaler Produktionszentren für Figurentheater am Westflügel Leipzig statt. Nach einer Ausgabe an der Schaubude Berlin zum Thema Künstlerische Forschung 2023 sowie einer im FITZ Stuttgart 2024 mit dem Schwerpunkt Körper und Figur lag der Schwerpunkt wie bereits in der ersten Festivaledition 2022 in Leipzig auf internationaler Zusammenarbeit.

Besucher:innen und Fachpublikum erlebten vier spannende Tage mit internationalen Theatervorstellungen, Diskurs- und Netzwerkprogramm, Austauschformaten und Künstler:innengesprächen. Dem Westflügel Leipzig verbundene Ensembles zeigten internationale Versionen ihrer neuesten Produktionen. Mit dabei waren Wilde&Vogel [Leipzig], Lehmann und Wenzel [Leipzig], die Grupa Coincidentia [Polen] und Golden Delicious [FR/ISR]. Besondere Highlights waren die indische Koproduktion Sesam–ತಿಲ des Theater Ranga Shankara aus Bengaluru und die DEUTSCHLANDPREMIERE der internationalen Version von The real fake objekt theater conference des Vélo Théâtre/Gare Centrale [FR/BE]. Hinzu kam am Sonntag eine bilinguale Kindervorstellung von Wilde & Vogels und Philipp Scholz’ [Leipzig] overALL underALL, die Genre- und Verstehensgrenzen mit viel Können und Spielfreude befragte.
Auch im Diskursprogramm erlebte FIGURE IT OUT! 2025 eine produktive Erweiterung. Parallel zum Festival fand die erste Summerschool Figurentheater in Leipzig statt. Als Projekt von KompleXX Figurentheater, das von den Bündnispartner:innen dfp Bochum und Westflügel Leipzig in Kooperation mit dem Studiengang Figurenspiel der Hochschule für Darstellende Künste Stuttgart konzipiert und durchgeführt wurde, brachte junge Wissenschaftler:innen und künstlerisch Forschende zusammen und schuf einen lebendigen interdisziplinären Austausch zum Feld Figurentheater.

Grafik: Robert Voss

Mittwoch, 18.6.2025

Am Mittwoch feierte FIGURE IT OUT! 2025 seine Festivaleröffnung in besonderer Art, die viele kleine Theaterbesuche mit einem entspannten Get-together verband. Ab 19h trafen sich Interessierte, Künstler:innen, Zuschauer:innen und internationales Fachpublikum in Foyer und Bar des Westflügels zu einem Lambe Lambe Miniaturtheaterabend mit freiem Eintritt. In den 1990er Jahren in Lateinamerika entstanden beschreibt Lambe Lambe eine spezielle Erzählform. Häufig im öffentlichen Raum angesiedelt und für ein zufällig vorbeikommendes interessiertes Publikum konzipiert, zeigt ein:e Spieler:in in einer Theaterbox für eine Person eine Aufführung von maximal 3 Minuten. Im Westflügel wurden bereits etablierte Lambe-Kästen gezeigt, aber auch im vorangegangenen dreitägigen Workshop unter der Anleitung von Omayra Martínez Garzón entstandene Prototypen. Sehr unterschiedliche Lambe Lambes von Menschen mit Figurenspielerfahrung, führten mal witzig, mal tiefgründig, aber immer mit großem Augenmerk auf die liebevolle Ausgestaltung und unmittelbare Kommunikation durch Roboterorakel, Meeresträume und Welträume, zeigten magische Vorgänge, Kindheitserinnerungen und unglaubliche Transformationsprozesse. In angeregter und zugleich familiärer Stimmung standen die Besucher:innen aus Leipzig und der ganzen Welt Schlange, tauschten sich aus und tauchten immer wieder in den Sog des Lambe Lambe ein. Hinzu kam eine Kreativstation im Foyer, eine Ausstellung im Kunstautomat sowie Kurzfilme auf halber Treppe, die während des ganzen Festivals für Besuch offenstanden.

Donnerstag, 19.6.2025

Morning Session I

Wie bereits in der ersten Ausgabe von FIGURE IT OUT! 2022 luden auch dieses Jahr moderierte Gesprächsrunden täglich von 10–13h zum Austausch zwischen Fach- und szeneinteressiertem Publikum in den Westflügel. Mit internationalen Gästen aus der künstlerischen Praxis und moderiert von Expert:innen verschiedener Felder widmeten sich die Panels je einem thematischen Schwerpunkt.

Morning Session 1 „Breaking the language barrier“, Foto: Dana Ersing

Unter dem Titel „Breaking the language barrier“ führte Laurette Burgholzer, Theaterwissenschaftlerin, Pädagogin und bildende Künstlerin, durch die erste Morning Session. In zwei Themenblöcken ging diese Leitfragen rund um Sprache und Übersetzung im Figurentheater nach: Wie wird Theater für ein internationales Publikum inszeniert? Wie verständigen wir uns über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg? Ein Impuls der Sprachwissenschaftlerin und Übersetzerin Maria Wünsche gab Einblicke in Untertitelung und Creative Captioning als Möglichkeiten zur Erschließung von Produktionen für ein internationales Publikum, Schaffung von Zugänglichkeit und Verstehen. Dabei wurden sehr konkrete Umsetzungsmöglichkeiten, aber auch Herausforderungen und Hürden für Betitelung vorgestellt, wie z.B. dessen Parallelität zum Bühnengeschehen, räumliche und zeitliche Limitationen sowie sprachliche und kulturelle Differenzen. Zentral sei für jede Art der Translation, so Wünsche, die Über-Setzung als kommunikatives Tool zu begreifen, das mit dem Publikum in Kontakt treten muss. Für Figurentheater möglicherweise besonders interessant ist die Form des Creative Captioning. Anders als die klassische Übertitelung funktionieren diese Sprache übersetzenden Textteile nicht als Add-Ons, sondern lassen sich selbst als kreatives künstlerisches Element einsetzen. Vielfältig gestaltbar und positionierbar können sie als Teil des Bühnenbildes eingesetzt, aber auch als Objekt oder Figur potenziell bespielt werden und sind damit ästhetisch und inhaltlich in die Inszenierung einbindbar.

Ausgehend von diesem Impuls widmete sich der zweite Teil der Session der Frage nach Sprache und Übersetzung im zeitgenössischen internationalen Figurentheater. Interessant ist hier, dass besonders Puppen- und Figurentheater jenseits von Übertitelungstechniken auf ganz eigene Techniken der Translation zurückblickt. Als traditionell mobile theatrale Form sind vielsprachige Aufführungspraktiken, aber auch die Reduktion bzw. der Verzicht auf Sprache sowie die Suche nach material- und bildbasierten Ausdrucksweisen hier sehr etabliert. Zugleich zeigte die Diskussionsrunde, dass die Frage nach Sprache und Übersetzung immer auch vom Kontext der Produktion und Aufführungssituation abhängt. So skizzierte Surendranath Subbanna, Produktionsleiter der Gruppe Ranga Shankara die Vielsprachigkeit im südindischen Publikum als Standard, wodurch sich besonders für Kindertheater die Frage nach der sprachlichen Dimension stellt. Übersetzung, aber auch lautbasierte übersprachliche Kommunikation sind Techniken, die hier zur Anwendung kommen. So fand die Uraufführung von Sesam–ತಿ in Kannada, eine der Amtssprachen des südindischen Bundeslandes Karnataka, statt. Für das internationale Touring wurde eine englischsprachige Version entwickelt, die jedoch als Zweit- oder Fremdsprache mit anderem Rhythmus eigens erarbeitet werden muss. Ähnliche und andere Überlegungen wurden für andere geografische Kontexte geteilt. Für kleinere Sprachgruppen, wie z.B. in Slowenien, ergebe sich automatisch die Notwendigkeit für Übersetzung bzw. die Reflexion des Umgangs mit Sprache, sodass Inszenierungen in Übersetzung gängige Praxis sind. Für ein muttersprachlich englischsprachiges Publikum wie in UK beispielsweise wurde eine weitere Problematik vorgestellt: Gewohnt an Englisch als Aufführungssprache seien diese schwerlich programmier- und bewerbbar. Creative Captioning wurde hier als besonders spannender künstlerischer und praktischer Lösungsansatz gesehen. Für Polen berichtete ein Kurator von der gängigen Praxis des Voice-Over als Form der Gleichzeitigkeit von Sprachen. Als weitere Option wurde Nicht-Übersetzung ins Feld geführt, die die Fremdsprache als Sound oder Material erhält und möglicherweise künstlerisch produktiv macht.

Schließlich wurden jenseits von Sprache weitere Formen der Translation vorgestellt, die in der transkulturellen künstlerischen Zusammenarbeit eine Rolle spielen. Die Schaffung einer gemeinsamen sprachlichen, künstlerischen und persönlichen Arbeitsgrundlage zwischen den Akteur:innen von Sesam–ತಿ war grundlegend für die Zusammenarbeit, jedoch braucht ein solches Zusammenkommen über kulturelle Kontexte hinaus Zeit – und Förderung – und bringt viele auch praktische Herausforderungen mit sich. Zugleich musste eine gemeinsame ästhetische Sprache gefunden werden, die die unterschiedlichen künstlerischen Handschriften der Akteur:innen zusammenbringt, ohne die Eigenheiten zu verwischen. Dabei war die Suche nach gemeinsamen Ausdrucksformen oft geleitet von Objekten, Puppen, Musik und Bewegung, aber auch von Geschichten und narrativem Material. Das Mitdenken von Kommunikationswegen für ein internationales Publikum spielte ab dem ersten Moment eine Rolle – was wiederum Praktiken der Über-Setzung ins Feld führt.

Table Talk I

Sesam–ತಿಲ, Foto: Dana Ersing

Der erste Table Talk der FIGURE IT OUT!-Woche brachte die Künstler:innen von À la carte und Sesam–ತಿಲ, Inbal Yomtovian, Surendranath Subbanna, Soumya Bhagwat, Sharath Kodanda, Shruti Kiran, Sandeep Brahmappa, Vivek Govindaraja, Charlotte Wilde und Michael Vogel, unter der Moderation von Laurette Burgholzer an einen festlich gedeckten Tisch, um im Rahmen eines gemeinsamen Abendessens über die künstlerischen Arbeiten zu sprechen.
Als eine Art Objekttheater ohne Objekte vollzieht sich À la carte in einem dialogischen Setting. Grundlage der Arbeit ist eine gezeichnete Karte mit nummerierten Objekten, die die Zuschauer:innen aufrufen. Daraufhin zieht die Performerin Inbal Yomtovian die entsprechende Karte aus einem Zettelkasten und erzählt die Geschichte des Dings. Im Spiel mit (auto)biografischem Erzählen und Fiktionalisierung entspinnt sich eine mit jeder Aufführung variierende narrative Struktur, die zwischen historischen Zeugnissen, persönlicher Erinnerung und behaupteten Geschehnissen oszilliert. Diskutiert wurden unter anderem Fragen nach individueller und kollektiver Imagination sowie Nähe und Distanz, die die besondere Spannung zwischen Zuschauer:innen, Performerin und den erzählten Geschichten produzierte, aber auch Überlegungen zum besonderen theatralen Setting.
In gewisser Weise schloss die Auseinandersetzung mit Sesam–ತಿಲ hier inhaltlich gut an. Ausgehend von der Suche nach der Universalität bestimmter Narrationen und Erzählstoffen dienten die Erzählungen rund um Till Eulenspiegel (ತಿ ಲ – tila – bedeutet in Kannada Sesam) als Grundlage der Stückentwicklung, deren Weisheiten und Narreteien in anderer und ähnlicher Form in südindischen Erzählungen, mythischen Strukturen und Motiven zu finden sind. Die Kooperation zwischen Ranga Shankara in Bengaluru und Wilde & Vogel aus Leipzig bringt sehr unterschiedliche Spiel- und Denkweisen aus zeitgenössischem Figurenspiel, Katthak, Ragas und Slapstick zusammen und spielt im präzisen Umgang mit den einzelnen Bühnenelementen virtuos und spannend mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen den Performer:innen, Spieltechniken und kulturellen Kontexten. Dabei spiegelt sich das Motiv des Trickster oder Narren in einer Erzählweise der Zusammenstückelung und Dramaturgie des vermeintlich Zufälligen, die im Material, in der Musik oder der Bewegung immer wieder eine verblüffende Auflösung erfährt.

Freitag, 20.6.2025

Morning Session II

Kunst ist politisch, künstlerische (Zusammen)arbeit ist politisch – und die politischen Kontexte des Arbeitens beeinflussen Kunst wie auch die Möglichkeiten und Bedingungen kultureller Zusammenarbeit. „Der Einfluss politischer Konflikte auf den Kulturbetrieb“ wurde am Freitagmorgen unter der Moderation der freien Journalistin und Moderatorin mit Schwerpunkt Osteuropa, Außenpolitik und Medien Gemma Pörzgen diskutiert. Als Gesprächspartner:innen waren Dagmara Sowa und Paweł Chomczyk (Grupa Coincidentia, Białystok, PL), Marek Zurawski (Leiter des Puppet is a human too-Festivals, Warschau, PL), Inbal Yomtovian (Golden Delicious, FR/ISR) und Kerrin Tatman (Leiter des Newcastle Puppetry Festival, UK) zugegen.

Morning Session II „The impact of political conflicts on the cultural sector“, Foto: Dana Ersing

In einer ersten Runde skizzierten die Gäste ihre unterschiedlichen Kontexte. Der Regierungswechsel in Polen bringt für Künstler:innen vor Ort Anspannung und Unsicherheit mit sich. Die zeitlichen Verzögerungen der direkten Auswirkungen politischer Konflikte auf den Kulturbetrieb produzieren eine aktuell unklare Situation. Hinzu kommt der Angriffskrieg in der Ukraine, der Fragen nach künstlerischer Kooperation, Solidarität und Boykott aufwirft. Der Krieg in Gaza bringt für künstlerische Zusammenarbeit ähnliche Fragen mit sich – und zeigt konkret, wie die politische Realität auf Akteur:innen Einfluss nimmt und aus deren nationaler Zugehörigkeit kulturpolitisch relevante Ableitungen vornimmt. Gerade für freie Künstler:innen aus Israel und Palästina bedeutet diese Konstellation oft Rechtfertigungsdruck und Vorverurteilung und führt zu Unsicherheiten im Zusammenarbeiten sowie Angst vor kultureller Isolation. Während die Kürzungen im Kulturbetrieb als internationales Phänomen übergreifend problematisiert wurden, brachte der Brexit für UK zusätzliche praktische Probleme, die internationales Touring direkt betreffen. Fehlende Regelungen, administrative Hürden usf. sorgen für eine gewisse Unplanbarkeit bzw. Mehraufwand für die gerade im vergleichsweise kleinen und vom wechselseitigen Austausch abhängigen Feld Figurentheater unabdingliche internationale Zusammenarbeit.

Die Diskussion war nicht leicht, zu schwer wiegen die aktuellen politischen Realitäten. Konstruktiv und hoffnungsvoll stimmte die Richtung, die die Moderatorin als Orientierung für die Diskussion anbot: Wie können und wollen wir zusammenarbeiten – trotz und angesichts von Differenzen? Wo ist Vernetzung innerhalb der Szene hilfreich und möglich? Wie kann sich die freie Figurentheaterszene international stärken und sich für die derzeitigen und zukünftige Herausforderungen rüsten?
Nach einer kurzen Pause wurde die Debatte in vier Kleingruppen fortgesetzt, was einen konkreteren Austausch zwischen den einzelnen Teilnehmenden ermöglichte und einige interessante Ergebnisse lieferte. So wurden Formen der Publikumsakquise diskutiert, die der gegenwärtigen Zuspitzung zwischen Arm und Reich mit solidarischen Preissystemen und Praktiken der internationalen Umverteilung begegnen. Hinzu kamen Überlegungen zu Safe Spaces und dem Umgang mit dem Publikum. Diese Fragen wurden kontrovers diskutiert. Der Notwendigkeit zur Schaffung und Erhaltung sicherer und zugleich vielfältiger demokratischer Räume für Austausch und Meinungsbildung als zentrale Aufgabe gerade freier Häuser und Institutionen standen Forderungen nach Theater als Safe Space gegenüber, die im Zweifel durch explizite politische Selbstpositionierung auch Ausschlüsse vollziehen (können). (Wie) müssen Theater sich sichtbar politisch verorten? Welche Differenzen sind tragbar und wie werden diese verhandelt? Wer muss geschützt werden und wer setzt diese Schutzräume durch? Wie lassen sich Theater zugleich als Safe Spaces und Räume für Austausch und Meinungsbildung denken? Zu diesen Fragen ließ sich im Rahmen der Diskussion kein Konsens herstellen. Vielmehr scheinen sie weiterführend spannend zu bleiben und sicherlich wert, sie in zukünftigen Austauschrunden weiterzubearbeiten. Abschließend wurde eine humanistische künstlerische und kulturpolitische Praxis als Gegengewicht zur politischen Realität immer wieder proklamiert – wer schafft und erprobt tragbare Gesellschaftsutopien, wenn nicht die Künste? Diese Überlegungen betonten abermals die Bedeutung internationaler künstlerischer Kooperationen, die Menschen zusammenbringen, transkulturelle Praktiken etablieren sowie Austausch und Verständigung über Grenzen hinaus ermöglichen.

Table Talk II

Das zweite Künstler:innengespräch am Freitag fand unter der Moderation von Tom Mustroph, freier Autor, Journalist und Dramaturg (Berlin, DE), mit Dagmara Sowa und Paweł Chomczyk der Grupa Coincidentia (Białystok, PL) sowie Charlotte Wilde (Leipzig, DE) zur Aufführung von Superheroes statt. Angesprochen auf die Superpower, die die Vorstellung bis in die Publikumsränge versprühte, erzählten die Künstler:innen von ihrem Arbeitsprozess. Nach mehreren erfolgreichen Kooperationen zwischen Grupa Coincidentia und Wilde & Vogel begann die Inszenierungsarbeit bereits 2002 ausgehend von der Frage nach Superkräften und kindlichen Held:innenfiguren. Diese Recherchen erscheinen in der Bühnenfassung als Collage unterschiedlicher Bilder und Szenen, von Asterix über Batman und Joker bis hin zur biblischen Erzählung von Samson und Delila. Gesangseinlagen verbinden die einzelnen Sequenzen dramaturgisch und ziehen eine Art zweite narrative Ebene ein, die dem Heldenideal das ganz normale Heteropärchen entgegenstellt. Mit transformativem Schwung und enormer Spielfreude werden Figuren und Welten konstruiert und zerstört – und immer wieder ironisch befragt. Mit Bezug auf die Morning Session befragte Mustroph die Künstler:innen außerdem zur Wechselwirkung zwischen künstlerischer Arbeit und Wirkungsort. Und ja – natürlich spiele die Nähe zu Weißrussland immer eine Rolle. Aber da sei eben dieser Ort und dieser Wald und dieses Theaterhaus mit seinem sehr besonderen Publikum – und auch hier gelte es, weiterzumachen, andere Perspektiven zu bieten – gerade auch in der Gegenwart.

Samstag, 21.6.2025

Morning Session III

Die dritte und für diese Ausgabe von FIGURE IT OUT! letzte Morning Session fand unter dem Titel „The future of international programming“ in Moderation von Mareike Gaubitz, Leiterin des Dokumentationszentrums am Deutschen Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst, Bochum, statt. Drei Impulse eröffneten Perspektiven auf europäische Festival-Organisation, internationale Vernetzung im Feld Figurentheater und politische Sprechfähigkeit.
Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellung des aktuell laufenden Projekts KompleXX Figurentheater als Beispiel für nationale Kooperation berichtete Taru Tuomisto [Turku, FIN] aus ihrer Perspektive als Leiterin des Turku International Puppet Festival über die Zusammenarbeit im Creative Europe-Projekt Impulse! Gemeinsam mit zwei Partnerinstitutionen aus Litauen und Portugal organisierten sie im Förderzeitraum 2023 bis 2024 Festivaltourneen in Europa, die durch längere Aufenthalte und Vernetzungsmöglichkeiten verstärkt den Austausch der Künstler:innen vor Ort förderten. Hinzu kamen Seminare und Masterclasses. Die Möglichkeiten zur institutionsübergreifenden Vernetzung, Kennenlernen und Austausch von Wissen, Best Practice und Unterstützung beim Touring wurden als wichtigste Aspekte solcher internationalen Förderungen beschrieben. Als Vizepräsidentin der UNIMA international gab Annette Dabs (Bochum, DE) den zweiten Gesprächsimpuls. Mit großer Begeisterung stellte sie zum einen Arbeits- und Funktionsweisen des ältesten internationalen Theaterverbandes weltweit vor, und hob zudem die Bedeutung dieser Form der Kooperation hervor. Als Möglichkeit zur internationalen Vernetzung und länder- wie kontinentübergreifenden Austausch sei die UNIMA nicht nur ein wichtiges Arbeitsfeld für sämtliche Akteur:innen im Feld Figurentheater gleich welcher Ausrichtung, sondern zugleich auch eine Plattform für Perspektivwechsel und Demokratiebildung. Zum Abschluss des Panels gab die Figurenspielerin, Dozentin und Regisseurin Stefanie Oberhoff (Stuttgart, DE) Einblicke in die politische Dimension künstlerischen Arbeitens. Anhand einer von ihr im Rahmen einer Festivaleröffnung gehaltenen Rede skizzierte sie die Verflechtungen künstlerischen, sozialen und politischen Wirkens, das in internationalen Kontexten stets in Wechselwirkung stattfinden muss, häufig aber zu wenig politische Anerkennung findet. Sehr deutlich zeigte die anschließende Diskussion die Notwendigkeit und die spezifischen Potenziale kultureller und künstlerischer Zusammenarbeit – für die Kunst und die Künste, aber auch für die Entwicklung einer solidarischen, lebenswerten, nachhaltigen und sozialen Weltgemeinschaft.

Table Talk III

Table Talks in der Bar des Westflügel Leipzig, Foto: Dana Ersing

Moderiert von Veronika Darian, Theaterwissenschaftlerin an der Universität Leipzig, sprachen Samira Wenzel und Stefan Wenzel von Lehmann und Wenzel (Leipzig, DE) über die speziell für das internationale Festival erarbeitete englischsprachige Version von WANTED Eurydike, das in deutscher Sprache bereits 2024 Premiere feierte. Im Anschluss an die unterschiedlichen Perspektiven auf Sprache und Übersetzung von Produktionen beschrieben die Künstler:innen Potenziale und Herausforderungen, wie z.B. im Moment von Improvisation, aber auch in Bezug auf Rhythmus und Spiel als körperlicher Vorgang, die eine solche Übertragung mit sich bringt. Befragt zur grundsätzlichen Herangehensweise der Inszenierungsarbeit, führten Lehmann und Wenzel mehrere Aspekte an. Neben dem Wunsch, eine Produktion im Duo zu erarbeiten, war der Mythos um Orpheus und unter Einbezug der Oper Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ Ausgangspunkt für die Gestaltung einer Inszenierung, die den Fokus auf Eurydike legt. Für das Erarbeiten konkreter Szenen, Figuren und Episoden betonten Lehmann und Wenzel zum einen die Improvisation als durchlaufende Praxis, den Wechsel zwischen Materialrecherche, Figuren- und Bühnenbau sowie Probenarbeit und schließlich den Einbezug von Outside Eye bzw. Publikum. Weitere Gesprächsaspekte waren die spezifischen Spielpraktiken, die sich in WANTED Eurydike durch den Umgang mit den vielfältigen Puppenarten und Figuren zieht: Ein steter Wechsel zwischen Ebenen ermöglicht einerseits eine offene Kommunikation zwischen den Spieler:innen und mit dem Publikum und sorgt zum anderen für besonderen Witz, wenn die Erzählebenen in Bewegung geraten und die Konstruktion der Geschichte offen gelegt wird.

Sonntag, 22.6.2025

Einen fulminanten Abschluss des Netzwerk- und Diskursprogramms bildete The real fake object theatre brunch! am Sonntag in der Kulturbar froelich&herrlich. Unter der souveränen Gesprächsanleitung von Katja Spiess (Stuttgart, DE), Leiterin des FITZ – Theater animierter Formen und Mitglied der Allianz internationaler Produktionszentren für Figurentheater, sprachen die Gäste Agnès Limbos (Gare Centrale, BE), Charlot Lemoine und José Lopez (Vélo Théâtre, FR/ESP), Christian Carrignon und Katy Deville (Théâtre de Cuisine, FR), Jacques Templeraud (Théâtre Manarf, FR), Gyula Molnár und Francesca Bettini (HUN/IT/FR) über die Deutschlandpremiere von The real fake objekt theater conference, die am Samstag- und Sonntagabend im Westflügel zu sehen war. Eröffnet wurde die Runde durch einen Abgleich zwischen Geschichtsschreibung im Internet, Legendenbildung und Erinnerung: Wie lässt sich eine Chronologie des Objekttheaters schreiben? 1977 tauchte das Théâtre Manarf in Angers als erster maßgeblicher Ort auf. Der Name ist programmatisch, auf Arabisch bedeutet manarf „ich weiß nicht“ und umreißt die ganz eigenen Theaterformen, die sich hier ausgehend von Jacques Templeraud in den 70er Jahren entwickelten. 1979 gründeten Christian Carrignon und Katy Deville das Théâtre de Cuisine in Marseille. Das große Theater trifft auf den Küchentisch als Zeichen des Kleinen, des Einfachen. Benannt nach dem Lieferfahrrad eines englischen Metzgers, das in der ersten Inszenierung vorkam, erschien 1981 das Vélo Théâtre und mit ihm die Künstler:innen Charlot Lemoine, José Lopez und Tania Castaing. In Belgien gründete Agnès Limbos die Cie. Gare Centrale, „…weil ich Bahnhöfe mag, Abschiede und Wiedersehen, Reisende, Züge und besonders Koffer.“ 1988 kam es in Italien erstmals zu einer Zusammenarbeit zwischen Gyula Molnár und Francesca Bettini – ohne einen gemeinsamen Namen und ohne Compagnie, doch die spezifischen Zugänge zum und Umgänge mit dem Material verbanden die Künstler:innen. Viele legendäre Inszenierungen ließen sich anführen, die bis heute bezeichnend sind für die neuen Spielweisen, die das Objekt als eine Art Ready Made ins Zentrum des theatralen Geschehens stellen. Im Unterschied zum Puppenspiel ging es nicht mehr um Animation. Anstatt die Dinge über Blick und Bewegung zum Leben zu erwecken, wurden Form, Funktionen, Eigenschaften und Zuschreibungen der Objekte auf vielfältige Weise bespielt, vorgestellt, in Beziehung miteinander, der Spielperson, dem Raum und dem Publikum gebracht. Subjekt und Objekt bildeten hier keine hierarchischen Strukturen, sondern gerieten in Bewegung, verkehren die Bezüge, entwickeln eigene Funktionszusammenhänge – man denke, um nur eine Arbeit zu nennen, an Molnárs „Drei kleine Selbstmorde“ von 1981. „Wir haben einen Namen für das gesucht, was wir machen“, beschrieb Katy Deville das Zusammentreffen der sieben Ikonen des Objekttheaters im Jahr 1980. Das théâtre d’objet – Objekttheater bezeichnete einen neuen Zugang zur Welt, zum Theater, zum Umgang mit den Dingen, der für die Künstler:innen wegweisend war. Als Bildsprache nach dem Vorbild des Filmtheaters beschrieb Carrignon die Praxis, alle „unnütze Zeit wegzunehmen“, wobei die Geschichten im Unterschied zum Extravaganten, Außergewöhnlichen (extraordinaire) das Gewohnte meist nicht überschreiten, vielmehr seien sie „intraordinaire“. Liegt nicht gerade darin, im Erzählen von alltäglichen und damit ja großen Geschichten des täglichen Lebens mit einfachen Mitteln das Epische? Der Umgang mit dem Objekt, darin wurde man sich einig, sei eine Frage nach Komposition, einer besonderen Feinfühligkeit, ein spezifischer Zugang zur Welt, aber auch ein Freiraum für das Tun und Erproben von Dingen.

The real fake object theatre conference, Foto: Dana Ersing

Diese Freiheit im Umgang mit den Dingen, den Theatermitteln, aber auch mit dem eigenen Körper, der eigenen Geschichte spiegelte sich deutlich in der gemeinsamen Theaterarbeit, die das von den Künstler:innen maßgeblich geprägte Genre selbst zur Erzählung werden ließ. Ausgangspunkt der Inszenierung war eine Carte Blanche, die Agnès Limbos für das Festival Mondial des Théâtres de Marionnettes in Charleville-Mézières 2017 erhielt. Im Zuge dessen begannen die Künstler:innen, nach vielen Jahren erneut miteinander zu arbeiten. Das Ziel: gemeinsam sein.
There are seven big egos on stage“, lächelte Lemoine. Das funktioniert nur mit Respekt und Wertschätzung vor den Arbeitsweisen, Geschichten und Erfahrungen der anderen. Die „Konferenz“ versammelt sieben außergewöhnliche Künstler:innen, ganz besondere Spielweisen und Theaterzugänge, die etwas gemein haben und immer wieder auch individuelle Handschriften erkennbar werden lassen. Materiell extrem reduziert öffnet der Abend den leeren Raum für die Fülle an Erfahrungen und die Verbundenheit der Menschen auf der Bühne.

Und die Zukunft des Objekttheaters? Was bleibt? Ein schwebendes Bild auf der Wasseroberfläche? Ein Palimpsest? Überlegungen zu Bewahrung und Beforschung, zu Weitergabe und Repertoire rundeten diese letzte Gesprächsrunde von FIGURE IT OUT! 2025 ab.